Henri Rousseau
Henri Julien Félix Rousseau, genannt "Le Douanier" (*
21. Mai 1844 in Laval (Mayenne), Frankreich; 2. September 1910 in
Paris, Frankreich) war ein französischer Maler. Er gilt als einer der
Wegbereiter des Surrealismus.
Leben
Henri Rousseau wurde 1844 im kleinen Städtchen Laval im Nordwesten
Frankreichs als Sohn des Klempnermeisters und Eisenwarenhändlers Julien
Rousseau und seiner Frau Eleonore geboren.
Er galt als schwacher Schüler, liebte aber Dichtung und Musik. Schon
1860 war sein Name in der Schülerliste nicht mehr aufgeführt.
Alfred Jarry der übrigens auch in Laval geboren wurde
und Guillaume Apollinaire haben Rousseaus Leben frühzeitig zur Legende
collagiert. Viel bedurfte es dazu nicht, denn er lebte in all seiner Einfachheit
und Naivität bereits sagenhaft. Inzwischen ist aber manches
Detail seines Lebenslaufes nicht mehr nachzuweisen, aber immer wieder erzählt.
Beispiel: er habe als Soldat den Mexikofeldzug der Franzosen mitgemacht.
Tatsache ist aber, dass er, wegen begangener Unregelmäßigkeiten
in seiner Lehre in einem Advokatenbüro angeklagt, in Uniform vor Gericht
erschien. Nun diente er als Klarinettist in einem Infanterieregiment. Nach
dem Militärdienst gelang es ihm, beim Zoll angestellt zu werden. Daher
sein Name Le Douanier (der Zöllner).
1869 heiratete er die 18-jährige Schneiderin Clémence Boitard,
die ihm bis zu ihrem frühen Tod 1888 in 19 Jahren neun Kinder gebar.
Von diesen überlebte nur Tochter Julia den Vater. Rousseaus Enkelin
Jeanne war später Klavierlehrerin in Cherbourg. Nach dem Tod seiner
Frau Clémence ließ sich Rousseau im Jahre 1884 frühpensionieren.
Schon vorher aber hatte er zu malen begonnen.
Leben und Malerei führte Rousseau immer einfach, und doch verbarg
sich hinter dieser scheinbaren Bedürfnislosigkeit ein tiefer Ehrgeiz
nämlich mit seinen Bildern Anerkennung zu finden. Der erste,
der die Bedeutung seiner Bilder verstand, war der junge Alfred Jarry. Durch
ihn lernte er Paul Gauguin kennen. In Gauguins Atelier traf er Mallarmé,
Strindberg und Degas. Bald stellte er selbst in den Salons der Unabhängigen
aus. Wichtig war die Freundschaft mit Guillaume Apollinaire, durch den er
mitten in die künstlerische Avantgarde hineinkam.
Rousseau gab inzwischen Geigenunterricht, um seine karge Rente aufzubessern.
In den bescheidenen Räumen des Zöllners trafen sich außer
Schülern und Eltern Apollinaire, Delaunay (der Rousseaus treuer Freund
wurde, seine Malerei verstand und ihn durch Ankauf seiner Bilder unterstützte)
Picasso, Braque, Max Jacob, Vlaminck, Brancusi, Marie Laurencin, Philippe
Soupault und weitere.
Gelegentlich geriet Rousseau mit dem Gesetzt in Konflikt. Als der Richter
ihn wegen Scheckbetrugs zu zwei Jahren Gefängnis verurteilte, diese
aber zur Bewährung aussetzte, versprach er dem Richter überschwänglich,
das Porträt seiner Gattin zu malen.
Erwähnenswert ist auch das Bankett, das Picasso 1908 für Rousseau
im Bateau Lavoir veranstaltete: es war ein Happening, Rousseau aber nahm
es durchaus als Ehrung. Außer all den Künstlern nahm halb Montmartre
daran teil. Gertrude Stein, die mit ihrer Lebensgefährtin Alice B.
Toklas auch anwesend war, erinnert sich: Guillaume Apollinaire stand
auf und hielt eine feierliche Ansprache
. Er schloss mit einem Gedicht,
das er halb singend vortrug, und dann stimmte jeder in den Refrain ein:
La peinture de ce Rousseau
Überliefert ist
auch Rousseaus Bemerkung zu Picasso: Wir beiden sind die größten
Maler des Jahrhunderts, du in der ägyptischen und ich in der modernen
Weise
.
Henri Rousseau starb am 2. September 1910 im Hospital Necker in Paris nach
einer Blutvergiftung. Sieben Menschen waren bei seinem Begräbnis anwesend:
die Maler Paul Signac und Ortiz de Zarate, Robert Delaunay und dessen Frau
Sonja Terk, der Bildhauer Brancusi, Rousseaus Hauswirt Armand Queval und
Guillaume Apollinaire. Letzterer schrieb den Epitaph, den Brancusi in den
Grabstein meißelte:
Freundlicher Rousseau, du hörst uns.
Wir grüssen dich,
Delaunay, seine Frau, Monsieur Queval und ich.
Lass unsere Koffer zollfrei durch die Pforte des Himmels,
Wir bringen dir Pinsel, Farben und Leinwand,
Damit du malest in der geheiligten Muße des wahren Lichts
Wie einst mein Bildnis:
Das Angesicht der Sterne.
Werk
Die Realität hat bei Rousseau nicht abbildhaften Charakter. Rousseau
selbst erklärte sie mehrfach als Traum. Ihre Elemente erscheinen isoliert
und idealisiert. Sie treten unverbunden und überraschend nebeneinander.
Der Hintergrund ist genauso scharf gesehen und klar gezeichnet wie die Phänomene
des Vordergrundes. Die klassische Perspektive ist außer Kraft. Die
Figuren erscheinen in frontaler Sicht oder in strengem Profil.
Rousseau liebte klare Konturen, harte Kontraste ohne Übergänge.
Er verwendete leuchtende Kontaktfarben ohne Schatten, doch war seine Palette
reich an farblichen Nuancen. In seinem Bild Der Traum (der Yadwiga) schimmert
der Urwald in mehr als fünfzig Grüntönen.
Das Licht der Bilder Rousseaus gibt vielen Kritikern Rätsel auf. Es
ist ein inneres, kein bestimmbares, reales Licht. Es erzeugt keine Atmosphäre,
wirft keine Schatten, stiftet keinen natürlichen Zusammenhang wie das
Licht der Impressionisten. Es ist oft nicht einmal möglich, eindeutig
zu bestimmen, ob es Taglicht oder Mondlicht ist.
Schließlich war noch ein anderer Moment der Farbgebung Rousseaus
sowohl für die neusachliche wie für die surrealistische Malerei
eines Magritte oder Tanguy wichtig: der sparsame, überlegte, beinahe
anonyme Farbauftrag, der sorgfältig die Pinselspuren verbarg und keine
Handschrift verriet. Jede Eitelkeit des Machens war Rousseau fremd. Es ging
ihm nicht um die Herstellung malerischer Texturen, sondern um seine Gegenstände.
Zitate
Apollinaire hat Henri Rousseau den Ucello unseres Jahrhunderts
genannt. Er sah in ihm den Primitiven eines neuen Zeitalters (der zu sein
übrigens auch Cézanne für sich in Anspruch genommen hatte),
in dessen Bildern mit ihren poetischen Chiffren zugleich naiv und in großer
Klarheit viel von dem vorweggenommen schien, was Kunst der Moderne
wie sie sich rund um Apollinaire entfaltete zu leisten aufgetragen
war. Aus dem gleichen Grunde faszinierte er Kandinsky. Sein Aufsatz Über
die Formfrage im Almanach des Blauen Reiters von 1912,
mit nicht weniger als sieben Reproduktionen nach Bildern Rousseaus illustriert,
enthält die oft aufgenommene Unterscheidung der vom Geist aus
den Vorratskammern der Materie herausgerissenen Verkörperungsformen
nach zwei Polen hin, der großen Abstraktion und der großen Realistik.
Diese zwei Pole eröffnen zwei Wege, die schließlich zu
einem Ziel führen. Während Kandinsky sich berufen fühlte,
den ersten Weg einzuschlagen, sah er als seinen Widerpart Rousseau den Weg
der neuen großen Realistik gehen, beide Revolutionäre am Anfang
eines je neuen Weges.
Tristan Tzara huldigte in Rousseau einem Künstler, der nicht nur einen
neuen Stil der Malerei, sondern auch einen eigenen Lebensstil begründet
hatte. Die von dem in seiner Naivität unbeirrbaren und unverführbaren
Rousseau gelebte Einheit von Kunst und Leben musste gerade den so wenig
naiven Dadaisten beeindrucken.
André Breton meinte mit Rousseau könnten wir zum ersten
Mal von Magischem Realismus sprechen.
Philippe Soupault schrieb 1927 eine Monographie über Rousseau, in
dem er liebevoll von seinen Erlebnissen mit dem Douanier erzählt.
Lise und Oto Bihalij-Merin schreiben über ihn: Aus der Perspektive
seiner weltuntauglichen Armut projizierte Rousseau kindliche Wachträume
voller Schönheit und Ruhm. So bildhaft und intensiv empfand er seine
Traumwelt, dass er im Zwielicht von Zuversicht und Ahnung die Grenzen des
Wirklichen überschritt und selbst davon überzeugt war, dass ihn
der Präsident der Republik zu einer Soirée eingeladen, der grobe
Portier ihn jedoch seiner ärmlichen Kleidung wegen zurückgewiesen
habe. Und Apollinaire: Wenige Maler sind zu ihren Lebzeiten
so verhöhnt worden wie der Zöllner, und wenige Menschen traten
den Spöttereien, den Grobheiten, mit denen man ihn überschüttete,
mit ruhigerer Stirn entgegen.
*Artikel Henri Rousseau. In: Wikipedia,
Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 9. Februar 2007, 11:56 UTC.
URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Henri_Rousseau&oldid=27581575
(Abgerufen: 5. März 2007, 09:33 UTC)*
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